Leseprobe

Lehrling im Hüttenwerk

Ich war 14 Jahre alt, als ich mit Vater im Bodenwöhrer Hüttenwerk bei Herrn Ingenieur Kellner vorstellig wurde, der damals für Einstellungen zuständig war. Vater erzählte ihm, dass schon der Urgroßvater und der Großvater im Hüttenwerk gearbeitet hätten, bevor er schließlich untertänigst fragte: „Herr Ingenieur, könnte denn auch mein Bub hier eine Lehre anfangen?" Ingenieur Kellner ließ sich erweichen. Nach einer erfolgreichen Aufnahmeprüfung trat ich in der Mechanischen Werkstätte meine Lehrstelle an, wo mir Michael Hauck ein strenger, gerechter und fachkundiger Lehrmeister war. Auch andere Schulkameraden hatten eine Lehrstelle im Hüttenwerk bekommen, so der Wiendl Hans („Steinbock") und der Meier Franz in der Formerei, der Vielberth Josef („Zweckl") als Schreiner, der Wiendl Josef („Verscherer") und der Glöckl Willi („Negus") als Emaillierer sowie der Lohr Karl („Hankerl") als Elektriker.

Am 6. August 1934 um 6 Uhr früh begann meine Lehrzeit im Bodenwöhrer Hüttenwerk. In Begleitung meines Vaters, der dort als Schlosser arbeitete, marschierte ich in die Mechanische Werkstätte, wo mich Herr Hauck freundschaftlich mit Handschlag empfing. Er zeigte mir sogleich meinen künftigen Arbeitsplatz. Ich war ziemlich aufgeregt und staunte über die mächtigen Drehbänke, Bohr-, Hobel und Fräsmaschinen, die mit breiten Treibriemen an der Decke befestigt waren und durch Transmission angetrieben wurden. Als Lehrbub erhielt ich 9 Pfennig Lohn in der Stunde. Die Lehrzeit war hart und es ging streng zu, doch es gab nicht nur Tadel, sondern auch Lob, wenn ich meine Arbeit gut gemacht hatte. Wir Schlosserlehrlinge mussten nach Plan und Zeichnungen Werkstücke schleifen, hobeln und die Stücke passend genau messen und zusammensetzen, was durchaus nicht immer auf Anhieb gelang. Doch Vater war froh, wie viele andere Bodenwöhrer Väter auch, einen seiner Buben im Hüttenwerk untergebracht zu haben. Zu Hause hatte er oft mit mir gebastelt und so hatte ich handwerkliches Geschick erworben, das mir nun zugute kam.

 

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen als Lehrling war das Brotzeitholen, denn in den hiesigen Metzgereien Schießl, Dannböck, Baumgärtner oder Gigl bekamen wir Lehrlinge stets einige Wurstzipfel obendrein. Meistens mussten wir ein Stück Streichwurst, 15 Pfennig das Stück oder eine Scheibe Presssack für die Gesellen und den Meister holen. Für ein Zehnerl gab es damals eine dicke Scheibe Leber-Presssack. Begehrt waren aber auch Lyoner und Krakauer. Die Brauerei und Gastwirtschaft Jacob war weithin bekannt für seine geräucherten 10-Pfennig-Leberwürste, die sie von der Neunburger Metzgerei Bottenhofer bezog. Abends warteten unsere jüngeren Geschwister schon gespannt, ob wir ihnen wieder Wurstreste mitgebracht hatten. Die Metzger lockten uns meist mit kostenlosen Wurstzipfeln, damit wir auch beim nächsten Mal wieder bei ihnen kauften. Dabei dauerte die Pause am Vormittag nur eine Viertelstunde. Wenn ich als Lehrling meine Brotzeit nicht auf dem Rückweg gegessen hätte, wäre keine Zeit mehr dafür gewesen. Manche Arbeiter tranken Kaffee dazu, andere Bier. Natürlich gehörte es auch zu unseren Aufgaben, während der Mittagspause Bier zu holen. Bevor wir das Gelände verließen, legten  wir unsere Holzschuhe in eine Trage und rannten barfuß los, um möglichst  schnell bei der Gastwirtschaft Jacob zu sein, wo die Flasche Bier 36 Pfennig  kostete. Weitaus schneller ging es mit den Zigaretten. In der Putzerei des  Hüttenwerkes arbeitete Maria Decker aus Erzhäuser, die dort Zigaretten der  Marke „Zuban" verkaufte, vier Stück für 10 Pfennig.

Während meiner Lehrzeit fuhr ich meistens mit einem alten, klapprigen Fahrrad zum Hüttenwerk. Entdeckte ich einen besseren Lenker oder ein weniger ramponiertes Schutzblech, baute ich mein Fahrrad kurzerhand damit um. Die Radmäntel waren damals derart schlecht, dass wir aus alten Fahrradmänteln Stücke herausschnitten und unsere Radmäntel stellenweise damit doppelten.

Nach der Lehre arbeitete ich mit 17 Jahren als Geselle im Hüttenwerk weiter, bis 1940 meine Einberufung zur Wehrmacht erfolgte und ich fünf Jahre als Soldat in Russland verbrachte und drei Jahre in russischer Gefangenschaft.

Als Schlosser im Hüttenwerk arbeitete ich auch an den Drehbänken, wo Pumpen hergestellt wurden. Diese galt es zu fräsen, wobei Gewinde in die Kolben geschnitten wurden. Ich prüfte auch Dampftöpfe, bevor sie in die Endmontage kamen. Selbst eine Schmiede gab es im Hüttenwerk. Besonders gefährlich war die Arbeit an den Drehbänken, in die Pumpenzylinder eingespannt wurden. Dort drehte sich eine Welle, an der sich wiederum ein Messer befand, welches die Form ausfräste. Hier kam es immer wieder zu Unfällen, die meist schlimme Folgen hatten. In der Putzerei wollte ein Vorarbeiter einen Treibriemen auf die laufende Transmission legen, ohne diese abzuschalten. Dabei blieb er auf einer Welle hängen und wurde regelrecht zerfetzt.

Obwohl Dreck und Staub zum Hüttenwerk gehörten, kamen wir, dank der Badeanstalt des Hüttenwerkes, stets sauber nach Hause. Als „Fischer-Fertighaus" die Hallen des stillgelegten Hüttenwerkes übernahm, wurde auch dieses Gebäude abgerissen, trotz erheblicher Bedenken des Denkmalschutzes. Angehörige der Hüttenwerkarbeiter konnten sich dort brausen oder für 50 Pfennig ein Vollbad nehmen, wobei der Samstag stets den Frauen vorbehalten war. In den vielen Haushalten Bodenwöhrs gab es damals noch kein Bad. Die meisten Familien, so auch wir, hatten im Schuppen eine Zinkwanne stehen, die wir bei Bedarf ins Haus schleppten. Im Sommer marschierten wir zum Hammersee, seiften uns am Ufer von Kopf bis Fuß ein und sprangen so ins Wasser.

Zu den Werkswohnungen gehörten auch Scheunen und Stadel, in denen die Familien der Hüttenwerkarbeiter allerlei Tiere hielten, angefangen von Hühnern und Gänsen, über Ziegen bis hin zu Kühen. Wir hatten darüber hinaus ein 21 Bifing großes Kartoffelfeld und eine Wiese für wenige Reichsmark gepachtet. So konnten wir uns weitgehend selbst mit Lebensmitteln versorgen. Manche Hüttenwerksangehörige bauten auch Getreide an, vor allem Hafer, Korn und Weizen. Im Schloßstadel stand eine Dreschmaschine, die mit einem breiten Antriebsriemen ausgestattet war. Vor ihrer Inbetriebnahme musste sie stets mit einer Lötlampe angewärmt werden. Der Staub und der Lärm, den diese Dreschmaschine im Einsatz machte, waren unbeschreiblich.
(Fortsetzung im Buch)

Wanderung um den Hammersee mit literarischem Abschluss

Der Songwriter Reinhard Vinzenz Gampe beschäftigt sich mit dem Buch "Glanz und Elend" der Maxhütte". Mehr dazu!

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